Dan San suchen ihr Sehnsuchtsland

Zur Ruhe kommen am letzten Tag vor Weihnachten. Das geht mit Blick auf den fast vollen Mond und mit den federleichten, sanft melancholischen Tönen von Dan San bestens. Nach ihrem Debütalbum im Jahr 2012 war es  länger still um die Indiefolksters aus Liège geworden. 2016 erscheint endlich der Zweitling, und mit der ersten Single „America“ lassen die grüblerischen Sechs aus der wallonischen Metropole aufhorchen. Da sitzen sie vielleicht hoch oben auf der Zitadelle ihrer Stadt, schauen herunter auf Kathedralen und bröckelnde Stahlwerke und träumen von Amerika. Ein imaginiertes Sehnsuchtsland? „Amerika“ ist jedenfalls eine kleine Hymne auf all die scheinbaren Verlierer, denen die Komplexität des modernen Lebens ganz gehörige Angst einjagt. Aber vielleicht scheut man ja nur die Einsicht, dass man zu faul ist, um die Person zu werden, die man wirklich sein will! Dazu will das putzmuntere Glockenspiel kaum passen, aber hey: es sorgt auf nonchalante Weise für feinen Seelentrost!  Das dazugehörige Video ist jedenfalls ein Mini-Roadmovie, in dem wir einem Mopedfahrer durch belgische, deutsche und schweizerische Hinterlande folgen, bis es nicht mehr weitergeht. Ach ja, und produziert wird das neue Dan-San Album übrigens von keinen Geringeren als Yann Arnaud , der unter anderem mit Air und Phoenix gearbeitet hat. Wer Dan San live erleben will und in der Schweiz wohnt: Sie spielen Ende Januar, Anfang Februar auf dem One Of A Million Festival in Baden, das übrigens mit jeder Menge belgischer Bands aufwartet: darunter auch mit den auf diesem Blog schon sehr gelobten Vuurwerk und Fùgù Mango.

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Schwarze elektronische Romantik mit Vuurwerk

Dass eine außerhalb der Landesgrenzen noch weitgehend unbekannte belgische Band auf das renommierte South By Southwest-Festival im texanischen Austin eingeladen wird, kommt auch nicht alle Tage vor. Vuurwerk aus Brüssel haben dieses Kunststück vielleicht gerade mit ihrer Mischung aus elektronischen Clubsounds, experimentellen Einsprengseln und einer avantgadistischen Attitüde geschafft. Und vielleicht auch, weil sie Teil des aufregend kreativen Kollektivs Runtellsecrecy aus der belgischen Hauptstadt sind, wo sich Schlaumenschen zur künstlerischen Revolte zusammenrotten. Das Trio arbeitet an seinem Debütalbum und ist eben vom britischen Label Lo Recordings unter Vertrag genommen worden, das sich auf die Fahnen schreiben darf, das europäische Publikum mit der kanadischen Künstlerin Grimes bekannt gemacht zu  haben. Dass die drei Produzenten bei ihren Bühnenshows in Richtung Gesamtkunstwerk streben und mit audiovisuellen Installationen arbeiten, ist nur folgerichtig.

Dass Vuurwerk Feinde glatter Töne sind und bevorzugt dorthin streben, wo Bruchkanten zwischen den Stilen klaffen, nimmt unbedingt für sie ein. Nachtmenschen sind sie, die sich irgendwo zwischen Ambient, Industrial, Dubstep und Techno bewegen. Aber als zusätzliche Komponente spielt hier auch noch eine Vorliebe für morbide Sujets eine Rolle. Vuurwerk sind zwar auch die eleganten Dandies, welche die Straßen in Stunden nach Mitternacht unsicher machen. Aber in den dunklen Stunden vor Tagesanbruch trifft man auch die Schattenexistenzen, die bei Tageslicht unsichtbar bleiben. Das Unheimliche hält in diese Songs unmerklich Einzug. Schwarze Romantik hat im Schaffen von Vuurwerk rein gar nichts mit angekitschter Teen Angst zu tun. Im bisherigen Schaffen der Band gefällt der fein nachdenkliche und angemehm komplizierte Track „Slowburner“ besonders gut!

Ein feines Händchen haben Vuurwerk übrigens für ihre Gastsänger. Im subtil beunruhigenden Track „Wakening“ ist ein Herr namens Climb X zu hören. Hinter den exaltierten und empfindsamen Vocals steckt kein anderer als Max Colombie, der mit seiner Band Oscar And The Wolf ohnehin als einer der viel versprechendsten Newcomer gilt. Der Track ist auf subtile Weise beunruhigend, latent geheimnisvoll und auf schlaue Weise tanzbar. Das dazugehörige, mit intellektuellen Anspielungen gespickte Video spielt zu großen Teilen in einem unterirdischen Wasserspeicher, wo das schwarze Nass den Protagonisten bis zu den Knien reicht. Wasser, das Symbol des Unbewussten, wir verstehen schon! Lullende Wohlfühtöne wohnen anderswo. Vuurwerk und Max Colombie ziehen uns hier mit sanfter Nachdrücklichkeit in Welten, wo die Gewissheiten schwinden und die Schatten in jeder Ecke lauern.

Unterwassermusik mit Arsenal und Lydmor

Wie schön, wenn zwei ansonsten meist getrennte musikalische Sphären (und persönliche Vorlieben!) unterwartet zusammenkommen: Belgischer und skandinavischer Elektropop! Die Szene-Veteranen Arsenal (man benannte sich übrigens nicht nach dem britischen Fussballklub, sondern nach einen Weltkrieg-Zwei-Waffendepot in der Nähe des Proberaums der Band in Brüssel) und die dänische Chanteuse Lydmor (alias Jenny Rosander) haben sich in Sachen ätherischer, schwebender Töne zusammengetan. Für ein ganz neues Projekt, das Hendrik Willemyns and John Roan aus der Taufe gehoben haben: „Dance! Dance! Dance!“ lautet der Name des Gesamtkunstwerks aus Film und Musik, in dem die Belgier die Geschichte eines vergessenen japanischen Musikers namens Furu nacherzählen. Traditionelles Kino verbindet sich hier mit Live-Musik. Die beiden Masterminds aus Brüssel wurden auf der Suche nach passenden weiblichen Vocals für ihr Projekt ausgerechnet in Kopenhagen fündig. Man traf sich und redete. Und harmonierte so wunderbar, dass die Belgier die scheue Kopenhagenerin tatsächlich davon überzeugen konnten, ein Video für den Track „Temul (Lie Low)“ komplett drei Meter unter Wasser zu drehen. Trotz Schwimmkennntnissen auf Freischwimmerniveau! Das Video ist aktuell leider nur in verkürzter Form zu sehen, schade! Aber spielt auf wunderbare Weise mit allen Melusinen-Klischees dieser Welt. Von Lydmors dänischer Landsfrau Ophelia ganz zu schweigen! Die belgischen Newcomer Vuurwerk (über die demnächst in diesem Blog zu lesen sein wird!) haben übrigens einen feinen Remix von „Temul (Lie Low)“ vorgelegt.

Die ästhetischen Experimente von Arsenal machen unbedingt Lust darauf, sich tiefer in das Schaffen des Duos zu vertiefen, das bislang fünf Alben vorgelegt hat. Via Soundcloud lassen sich hier so manche Überraschungen erleben. Denn die Belgier sind nicht nur die Meister der feinen und vertäumten Töne, sondern legen elegant vertrackte elektronische Songs für die Tanzfläche vor. Und finden mitunter auch gefallen daran, Rumpelstilzchen zu spielen!