Ach, das Cello: Lili Grace

Das Cello in der Popmusik: Immer gern gehört! Schwestern in der Popmusik, vor allem dann, wenn es düsterer wird: Meistens interessant! Dienne and Nelle Bogaerts alias Lili Grace sind zwar beide noch keine 20, schreiben aber gemeinsam schon seit über sieben Jahren an Songs. Von der Lagerfeuer-Romantik der frühen Tage haben sich die Schwestern bereits verabschiedet und sich lieber der Welt der eingedunkelte elektronischen Töne zugewandt. Und dann ist da natürlich noch das Cello, das den Songs von Lili Grace einen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Vor kurzem haben die beiden jungen Frauen ihre erste EP „The Spell“ herausgebracht, die in eleganter schwarzer Romantik schwelgt. Die großäugigen Unschuldslämmer wollen Lily Grace nicht geben: Lieber schlüpfen sie in die Rolle der Nachtschattengewächse. Dass diese Songs im Übungsraum im elterlichen Haus entstehen, mag man schon glauben. Das klingt doch ein wenig nach Großstadt-Entfremdung! Noch ist nicht alles auf dem Erstling ganz rund gelungen, aber diese beiden Stimmen lassen aufhorchen. Sie klingen erwachsen und fast schon lebensweise. Und ein wenig rätselhaft. Als ob sie ein Geheimnis hüten, das die anderen nicht erfahren sollen. Mitunter flirtet das Cello hier mit dem Dancefloor. Lili Grace entwerfen hier Miniatur-Melodramen voller unterkühlter Emotionen. Ein wenig scheint es, als ob sie ihre Ausdrucksform noch nicht so ganz gefunden haben. Wo streben wir hin? In die Disco oder doch lieber ins stille Kämmerlein? Aber die EP lebt genau von der Spannung zwischen diesen beiden Polen. Via Soundcloud kann man das Album zur Gänze hören. Bei den Blogger-Kolleginnen von den The Brussels Sprouts gibt es ein schönes Interview mit den Schwestern Boagaerts. Der Track „Close“ bringt Cello und Stimmen gleichermaßen zum Glänzen.

 

 

 

Musik in Zeiten des Terror-Bedrohung: Faces On TV

„Du willst wirklich nach Brüssel? Das ist doch viel zu gefährlich wegen Terror-Alarmstufe vier“, hatten Freunde besorgt gewarnt. Aber die Bedrohung war bereits auf Niveau drei gesenkt worden. Und die nonchalente Gelassenheit, mit der die belgischen Hauptstädter normalerweise den Herausforderungen des Alltags begegnen, die dürfte doch Garant genug sein, dass man sich um Normalität bemühen würde. Dachte ich. Und genauso war es auch. Soldaten und Polizei im Stadtbild vor öffentlichen Gebäuden, klar. Aber der Markt auf dem Parvis de Saint-Gilles findet an diesem Samstag statt, als ob nichts sei. Bunte Stände und wuselndes Publikum. Vor dem Café Maison Du Peuple sitzen die Leute wie üblich plaudernd, rauchend und trinkend. Und ein Konzert an ungewöhnlichem Ort gibt es an diesem milden Samstagnachmittag auch noch: Die Mädels von Indies Keeping Secrets Brussels haben in ein Abbruchgebäude ins Europaviertel eingeladen. In die ehemalige Residenz der prominenten sozialistischen Parlamentsabgeordneten Laurette Onkelinckx: Ein Prachtbau mit Parkettböden, großzügigen Treppenhäusern mit Jugendstil-inspirierten schmiedeeisernen Geländern und schicken Kaminen. Zierleisten sind bereits entfernt, alles ist kahl und leer. Ziemlich frisch dazu, denn die Heizung funktioniert nicht mehr. In wenigen Wochen kommen die Abrissbagger. Wie die Mädels es geschafft haben, ein Gig in diesem todgeweihten Gebäude zu organisieren, bleibt ihr Geheimnis. Keeping Secrets eben! Und so mummelt man sich in Parkas und Decken ein und setzt sich auf den leicht angestaubten Parkettboden. Ich komme mit einem netten Mann ins Gespräch, der altersmäßig ein wenig über dem Durchschnitt der Versammelten liegt. Wie es sich herausstellt, ist es der Vater von Jasper Maekelberg, dem Sänger von Faces On TV, der an diesem Nachmittag solo beim Secrets-Konzert auftritt. Der extra aus Gent angereist ist, um den Sohn als Einzelkünstler an ungewöhnlichem Ort zu erleben! Jasper kommt betont bescheiden daher: Gitarre und viele kleine elektronische Helferlein. Und siehe da: Diese Klänge, von der Band selbst als „Trippop“ bezeichnet, wirken in reduzierter Form besonders eindrücklich. Jaspers Falsettstimme, das elegante Leiden am Leben und an der Liebe, die innige Hingabe: Es sind wahrlich keine simplen Songs, die uns der Sänger hier darbietet: Kompliziert sind diese Sounds, ein wenig überkandidelt und unbedingt für müßige Dämmerstunden geeignet. Herzen brechen hier, aber auf die allerschönste Weise. Das große Melodram bietet Jasper as Solo-Künstler nicht, eher eine warm glühende Melancholie, die Herz und Wangen wärmt. So vergessen wir die Kälte einfach! Schöne Fotos von diesem ganz wunderbaren Geheimkonzert gibt es hier. Und die neue Faces-On-TV-Single „Love/Dead“ ist auch sehr fein!

Ob Du wohl dasselbe fühlst? Sleepers´ Reign

Herzen himmelhoch schlagen lassen. Bewusst die großen Gefühle zelebrieren. Endlose Sehnsüchte wecken. Das muss man sich erst mal trauen! Und wenn man dabei keineswegs pathetisch oder peinlich klingt, sondern trotz der Annäherung an the big music auch noch leicht und elegant, dann lässt das doch aufhorchen. Sleepers´ Reign aus der flandrischen Kleinstadt Herentals (ich muss sofort an Harrenhal & Arya Stark denken). sleepers reignDie vier Jugendfreude aus der Provinz wollen sich mit ihrem emotional aufwühlenden Elektronikpop erst gar nicht mit Klein-Klein begnügen, sondern schreiben majestätisch ausufernde Soundtracks für Menschen mit angeknacksten Herzen, die dringend des Trostes in Form musikalischer Schönheit bedürfen. Das könnte fast schon in Richtung Synthie-Stadionpop gehen, wenn diese Töne nicht so zart gesponnen wären. Und weil das Piano keineswegs sentimental, sondern superempfindsam klingt! Dazu diese Falsettstimme und die hingebungsvollen Harmoniegesänge! Und ganz gegen Ende des sehr feinen Track „Four Dots“ wagen es die Vier, kurzzeitig in euphorische Gefühle auszubrechen. Hach! Das ist Melancholie in Cinemascope! Und wenn es jetzt einer wagt, leise „Coldplay“ zu sagen, dann wird der oder die von mir gehauen. Weil diese Töne viel zu fein für effekthascherisches, falschgefühliges Coldplay-Gesäusel sind!

Warum haben wir von Sleepers´ Reign bislang noch nichts gehört? Weil die Band bisher nur eine EP mit zwei Tracks herausgebracht hat. Außer „Four Dots“ übrigens noch ein elektropoppiges Cover von Bob Dylans Klassiker „Like A Rolling Stone“. Ausgerechnet! Wie bereits gesagt: Diese Jungs trauen sich was! Und stehen kurz vor Veröffentlichung ihres ersten Longplayers, so weit ich das übersehe. Dass aus Herentals fast schon postrockig ausufernde Synthie-Balladen kommen, hat sich inzwischen bis ins ferne Texas herumgesprochen: Sleepers´ Reign gehören zu den handverlesenen Musikern, die im kommenden Jahr beim SXSW-Festival im texanischen Austin spielen.

Foto: Illias Teirlinck

 

 

Belgium Booms at Iceland Airwaves 2015!

Dass aus Belgien aktuell aufregende, wilde und eigenwillige Töne kommen, hat sich mittlerweile sogar bis Reykjavík herumgesprochen. Denn bei der diesjährigen Ausgabe des fünftägigen, hochkarätig besetzten Musikspektakels Iceland Airwaves in der isländischen Haupstadt gab es nicht nur absinthgrüne Nordlichter am Abendhimmel zu bestaunen, sondern gleich zwei belgische Bands: BRNS und Great Mountain Fire. Airwaves-Chef Grímur Atlason hat gut gewählt: Denn BRNS und Great Mountain Fire sind in ihrer verspielten Schrulligkeit, unbedingten Leidenschaft, und aufregenden Unberechenbarkeit irgendwie….isländisch im Herzen! Dass sich zu beiden Bands bestens abtanzen lässt, das ist die Cocktailkirsche auf dem Sahnebecher. BRNS mit ihrem riesigen Arsenal an Spielzeug-Instrumenten, an Tröten und Hupen und Glockenspielen, kommen in Reyjkavík, wo der Do-It-Yourself-Ansatz in der Musik hochgehalten wird, bestens an. Dazu ein aus Leibeskräften singender Schlagzeuger, ein Rumpelstilzchen-Keyboarder und ein Gitarrist, der einen Saitenriss mit Bravour wegsteckt: Im kleinen Keller-Club der Bar 11, wo BRNS im Rahmen des  Off-Venue-Programms auftreten, steht das einheimische isländische Publikum Nase an Nase mit sämtlichen Exil-Belgiern und -franzosen der Atlantikinsel. Die unbändige Energie und Spielfreude der Belgier („we are a band from Brussels“) überträgt sich in der knappen halben Stunde prontissimo aufs Publikum: „I never been to Mexico, ooh-ooh!“ Davon hat man auch auf Island schon gehört. Sehr schweißtreibend, sehr intensiv, sehr lebensprall!

Für die ganz große Überraschung aber sorgen Great Mountain Fire im Konzertsaal Gamla Bío. Von BRNS mag man vielleicht schon gehört haben dort oben, die haben in der Blogosphäre reichlich Wind verursacht. Aber Great Mountain Fire sind in Reykjavík ein weißes Blatt Papier. Und dass diese fünf tropischen Waldschrate es schaffen, einen ganzen Saal subito zum Tanzen zu bringen, das ist eine Leistung! Die farbenfrohe, sympathisch-anarchische Truppe hört sich rotzfrech, superlebendig und sehr sinnlich an: Als seien die Talking Heads irgendwann Mitte der 80er auf Kuba verloren gegangen! Das nervöse, überkandidelte Großstadt-Feeling von „Remain In Light“ geht hier in die Cha-Cha-Bar und trinkt Cocktails mit quietschbunten Papier-Sonnenschirmchen auf der Ananas. Der Keyboader mit seinem beeindruckenden Rauschebart sieht so aus wie ein Exil-Wikinger, der bei Geburt versehentlich nach Brüssel vertauscht wurde. Dem Mann, der mit der Grazie eines Grizzly-Bären tanzt, dem fliegen hier die Herzen entgegen. Nach 20 Minuten tanzt das Publikum freudestrahlend mit wiegenden Hüften und blitzenden Augen. Wir hätten gerne noch lange so weitergemacht mit diesen angenehm verrückten Fünf, die vor kurzem ihr Album „Sundogs“ veröffentlicht haben. Der Albumtitel passt!

 

 

Im Kämmerlein, im Wald: He Died While Hunting

Darauf muss man erstmal kommen: He Died While Hunting ist ein ziemlich cooler Bandname. Was assozieren wir damit? Dann mal wild darauf los: Na klar, Wald und Dickicht, unwegsames Gelände, unerwartete Abgünde, kalte klare Luft sowie die Farben dunkelgrün, abendhimmelblau und karmesinrot. Damit liege ich nicht völlig daneben, denn als Definition des eigenen Schaffens findet sich auf der Homepage der schöne Lindwurm-Satz „minimalist indiepop electronica post-everything and post-nothing“. Schön gesagt! Der tote Jäger geistert bereits seit dem Jahr 2009 durch den Brüsseler Untergrund und ist im Kern das Solo-Projekt Cedric van Mol. Als Gastmusiker sind seine Freunde zu hören, die Gitarre, Druns, Cello, Vibraphon, Trompete und Posaune beitragen. Passt doch bestens in den Wald, das! Das sind eigensinnige Töne von spröder Schönheit, die im stillen Kämmerlein des Herrn van Mol entstehen. Zu denen man jenseits aller Süßlichkeit die Gedanken frei schweifen lassen und sich mitunter subtil aufschrecken lassen kann. Die neue EP „With Reckless Abandon“ ist mit Soundsample-Spielereien vielleicht einen Tick experimenteller ausgefallen als die Vorgänger. Eine subtile Beunruhigung flirrt durch diese Töne. Sie sind zurückgenommen und vieldeutig. Können durchaus ins dichte Dickicht führen. Sind aber unbedingt reinen Herzens und offenen Auges. Das sind Sounds, die dunkel und licht zugleich sind. Sehr gut gefällt der bereits etwas ältere Instrumental-Track „Makeshift (In This Room)“.

Winterslag schreiben den Soundtrack für kürzere Tage

Die Dunkelheit bricht immer früher herein. Tiefdunkelblaue, fast schon ins Schwarze tendierende Himmel um viertel vor sieben. Der Winter kommt. Die Zeit bis zum ersten Schneefall können wir uns mit den kleinen, wunderbar verlangsamten Songs von Winterslag aus Gent bestens füllen. Das sind definitiv Töne für ruhige, blaue Stunden. Töne für selbstvergessene Tagträumereien und für seliges Nichtstun. Die Fünf aus der flämischen Metropole bewegn sich sorgsam auf einem Territorium, das die weiten Weiden zwischen Folktronica und Flüsterpop umfasst. Gehaucht, nicht gesungen: So gehört sich das in diesem Genre! In dem eigenwilligen Video zum feinen Track „Cause For Concern“ geht es nicht nur um die Melancholie der kürzeren Tage und um die Unbehaustheit in seelenlosen Stadtlandschaften. Sondern auch um merkwürdige kleine Lichter, um Einsamkeit und um fliegende Koffer! Allein die skurrile Gestaltung des Vidos nimmt doch sehr für Winterslag ein! Zu diesem Song wird einem wunderbar mürbe ums Herz. So könnte er sich anhören, der Kummer in Flandern! Und weil der Herbst auch Lesezeit ist, kann ich den gleichnamigen Roman von Hugo Claus nur jedem ans Herz legen, der Sinn für die Absurditäten des Kleinstadtlebens in Zeiten der deutschen Besatzung hat. Ansonsten: Soweit ich des Flämischen mächtig bin (also: per Raten und Hoffen) verstehe ich die Sache so, dass Winterslag gerade an ihrem Debütalbum arbeiten. Das möchte ich gerne hören!

Dreampop auf Flämisch: Bazart

Die belgischen Indiepop-Lieblinge Oscar And The Wolf, die in diesem Jahr einen kometenhaften Aufstieg hingelegt haben, beweisen sich erneut als Meister des guten Geschmacks: Für ein Konzert in den Niederlanden im November haben sie die Landsleute von Bazart als Support eingeladen. bazEine gute Entscheidung: Denn das Quintett, dessen Mitglieder aus Antwerpen und Gent stammen, spielt souverän verträumten Dreampop mit gelungenen Elektronik-Einsprengseln. Und vor allem: Bazart singen auf flämisch, was nicht unbedingt als stilprägende Sprache der Popmusik gilt. Aber bei den Nachbarn verständlicherweise gut ankommen dürfte! Wer nun aber glaubt, dass das als schwerfällig geltende Idiom ungeignet für eleganten Pop ist, der sieht sich getäuscht: Der ziselierte, grenzwertmelancholische Track „Goud“ ist ein empfindsames Stückchen Sehnsuchtsmusik mit zurückgenommener Lizenz zum Schmachten. Die samtigen Synthies passen! Man kann zu diesen Klängen mit schmerzendem Herz tanzen. Großes Kino! Dass es hier um die Kunst der gehobenen Melancholie geht, erschließt sich ohne jegliche Kenntnis des Flämischen. Das ist genau die Musik, mit der man sich seelisch auf den November einstellen kann!