Die Damen mit den Hirschgeweihen: Faon Faon

Ein charmantes kleines Chanson über Eskimos? Solche Kleinigkeiten zaubern die beiden Damen von Faon Faon scheinbar mühelos herbei. faonWenn man die eigene Girlband schon nach Hirschkälbern benennt, dann geht das wohl ganz einfach. Olympia Boule und Fanny Vanilia, so heißen die Musikerinnen aus Brüssel, die mit einer federleichten und schrägen Mischung aus französischem Gassenhauer, Weird Folk, elektronischem Spielkram und HipHop ihre ganz eigene Nische besetzen. Das klingt ebenso fragil wie selbstbewusst und immer poetisch. An Poetry Slams könnten die Mademoiselles allemal teilnehmen, bevor sie wieder in Richtung frech-naiven Kinderzimmerpop wechseln und in feine Harmoniegesänge ausbrechen! Tribalen Beats sind die beiden ebenfalls nicht abgeneigt. Allzu ernst nehmen sich Faon Faon erfreulicherweise nicht. Die beiden sind  Philosophinnen des Alltags, die mit Bonmots zum Thema Ehe wie  „C’est comme le latin, c’est beau mais ça ne sert plus à rien“ aufwarten: Die Ehe ist wie Latein, das ist schön, aber völlig nutzlos! Ein kleines Chanson mit dem kryptischen Titel „FSLD V2″ gefällt ausgesprochen gut – so weit es meine Französischkenntnisse zulassen, geht es hier ums Singen unter der Dusch: Ein Track, der längst überfällig war! Jedenfalls sind das Töne, zu denen man vergnügt durchs Wohnzimmer  steppen und sich trotzdem schlau vorkommen kann.

 

Go March, ins Land der elektronischen Merkwürdigkeiten

Wenn eine Band sich von Film-Altmeister David Lynch beeinflussen lässt, dann ist man diesen Musikern zumindest schon mal wohlwollend gegenüber eingestellt. Bei dem eigenwilligen Blick, den Lynch auf die Welt hat, da ist doch Überraschendes zu erwarten! Das Gefühl trügt tatsächlich nicht: Go March aus Antwerpen geben sich gehoben geheimnisvoll. Auf den wenigen Promo-Fotos, go marchdie von den Dreien existieren, tragen sie weiße Plastik-Schutzkleidung und weiße Kugelköpfe und posieren vor dräuend dunkler Waldkulisse. Fans von übernatürlichen Phänomenen sind Go March unbedingt, wenn man ihrer Debütsingle „Rise“ lauscht: Das Instrumentalstück ufert gekonnt aus und bewegt sich elegant in den Graulanden zwischen Filmmusik, Kraut- und Postrock. Mogwai meets Kraftwerk, wie die Band selbst schreibt? Ja, irgendwie schon. Aber auch eine gute Prise Konsolenmusik mit bliependen Beats, die sich über diese vergrübelten deutschen Gitarrenklänge legen! Zu sehr später Stunde könnte man zu diesen süchtig machenden Computer-Grooves auch tanzen und dezent das Haupthaar schütteln. Go March schreiben den Soundtrack für ein Roadmovie, das sachte gen Düsternis taumelt. Ein sanfter Horror lauert an den Rändern. Sehr stylish, sehr elaboriert!

Geheimnisvoll maunzen & leise schreien: Elsie DX

Elektronische Töne verirren sich ins verwunschenen Schattenland: Elsie Dx, das Ein-Frau-Projekt von Elise Dutrieux aus Liège, ersinnt Töne, die sachte verwirren. Denn in ihren leise verschrobenen und verhalten tanzbaren Songs vermischen sich ganz unterschiedliche Einflüsse und fließen unberechenbar ineinander wie die Ingredenzien von Marmorkuchen: Tribales Trommelwerk (Mademoiselle liebt orientalische Klänge!), eine kleine Dosis Ambient, naives Kinderträllern, ein wenig Weird Dancefloor, ein Tick Avantgarde und das Maunzen von Katzen. In Songs wie dem sehr feinen „Silent Shout“ führt uns Elsie Dx elegant auf Abwege. Wer nun an Fever Ray denkt, der liegt nicht völlig falsch. Zumal sich auch die Belgierin gerne mit Federwerk und anderem heidnischen Krimskrams schmückt. Nur klingt sie wärmer, sinnlicher und verspielter. Melancholie ist ein zeitloses Sujet, das ansatzweise touchiert wird. Aber sehr viel lieber übt sich Madame hier in der Kunst des geheimnisvollen Übermuts!

 

Unberechenbar träumen mit Yuko

Wer in seinen gesammelten Werken mit einen Instrumentaltrack mit dem schönen Titel „Feuchttücher“ aufwarten kann, dem ist meine Sympathie schon mal unbedingt gewiss. Wie kommen Yuko aus Gent bloß auf diese Idee? Die Band um Mastermind Kristof Deneijs bleibt die Erklärung nonchalant schuldig. Seit Jahren bewegt sich das Quartett mit selbstbewusster Bescheidenheit zwischen Weirdpop, Folktronica und Postrock und singt mit viel Herzblut etwa darüber, dass das Love Interest ein Desaster ist. Das wird achselzuckend hingenommen und ein schlunzig poetischer Song namens „You Took A Swing At Me“ darüber geschrieben. Der Track entwickelt hinterrücks einen soghaften Charme und zieht sachte hinunter in emotionale Tiefen, ohne dabei je wehleidig oder, Gott behüte!, melodramatisch zu werden. Yuko stapeln lieber tief und deuten die Dinge an, als sie plakativ auszuprechen. Ist ja viel spannender so! Im vergangenen Jahr hat die Band ihr drittes Album „Long Sleeves Cause Accidents“ vorgelegt. Ursprünglich war geplant, einen Longplayer mit eigenwilligen Coverversionen von Kirchenliedern vorzulegen. Davon ist man abgerückt, aber eine gewisse religöse Inbrunst ist hier immer noch zu vernehmen, wenn man ausufernd nachdenkt und die Geister aus der Vergangenheit beschwört. Der Albumtitel nimmt übrigens Bezug auf einen populären Slogan aus dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Frauen an die verlassenen Werkbänke ihrer in den Kampf gezogenen Männer gerufen wurden. Ärmel hochkrempeln! Ähnlich hat es wohl auch die Band selbst getan und hat sich in ihrer kleinen Jolle auf dem weiten Ozean zu neuen Abenteuern aufgemacht. Wie um sich noch souveräner allen vorschnellen Verortungen zu entziehen, haben Yuko die klassische Sopranisten Deborah Cachet eingeladen, auf einigen Tracks Guest Vocals beizutragen. Und dann wird es im meist katzengrauen Universum von Yuko eigenwilligerweise grenzwert-melodramatisch. „A Couple Of Months On The Couch“ ist mitnichten leicht zu goutierende Kost. Geduld ist hier gefragt: Es geht bescheiden genug los, nur um dann zu hymnenhafter Hochform aufzulaufen!

Die sehr feine Cover-Gestaltung stammt übrigens wie schon beim Vorgänger-Album „For Times When Eyes Are Sore“ von Londoner Illustrator David Foldvari.