Mélanie De Biasio spielt das, was nicht hier ist

Es ist wohl der passendste Auftrittsort für Mélanie De Biasio auf der Hamburger Vergnügungsmeile: Die St. Pauli Kirche. Eine ruhige, grüne Oase ein klein wenig abseits des lärmenden Nachtlebens. Die in existentialistisches Schwarz gekleidete Künstlerin aus der grauen Industriestadt Charleroi mit aktuellem Wohnsitz in Brüssel reduziert die Dinge aufs Wesentliche. Die klassisch ausgebildete Flötistin und Sängerin ist nur beim ersten Hören als klassische Club-Jazzerin einzuordnen. Auf der Bühne begnügt sie sich mit der knappsten Besetzung. Hier geht es um die Essenz von Gefühlen. Und nicht um starre musikalische Definitionen. Denn die Frau mit dem hinreißend unmodernen Bubi-Haarschnitt überschreitet ganz sachte die grüne Grenze in Richtung novembergraues Chanson und singer-songwriterhafte Gefühlswelten. Von bluesig-traurigen Zuständen ganz zu schweigen. Hier ist keine Note zu viel. Und keine zu wenig. Sie selbst bezeichnet ihre Musik als „evolutionären Pop“. Ich komme zum Konzert leider ein wenig zu spät. Später erzählen mir Bekannte, dass einer der Mitmusiker die Bühne verlassen hat, weil ein Thresen-Kretin in der provisorisch aufgebauten Bar im Vestibül der Kirche lautstark Cocktails mixte. Geht auch gar nicht!

Von irgendwelchen Dissonanzen ist nun nichts mehr zu spüren. Mélanie De Biasio, die kürzlich ihr zweites Album „No Deal“ herausgebracht hat, scheint in konzentrierter Hingabe versunken zu sein. Hält ihr Tempo souverän ein. Bloß nicht zu schnell. Oder zu langsam! Die Töne in der Kirche verschwimmen zu einem leuchtenden Schwarz-Weiß. Eine halbe Stunde nur mit dieser hypnotisch in Bann ziehenden dunklen Stimme, die immer wieder neue Färbungen entwickelt. Viel zu wenig! Und am Ende will das Publikum die ernsthafte junge Belgierin nicht ohne Zugabe ziehen lassen. Und beim späteren Nachschmökern auf ihrer Homepage findet sich ein schönes Miles-Davis-Zitat. „Spiel nicht was hier ist. Spiel das, was nicht hier ist.“ Was die Dinge wunderbar auf den Punkt bringt.

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