Im Schatten der Sterne: Hydrogen Sea. Belgium Booms At Eurosonic!

Wie bringt man laut schwatzendes Kaffeehaus-Publikum dazu, still zu sein und aufmerksam zu lauschen? Und kaum zu wagen, den Teelöffel in der Tasse umzudrehen, um den Zucker einzurühren? Ganz einfach: Durch anmutige, fast schon schüchterne weibliche Vocals. Von einer Sängerin, deren Gesicht nur aus großen braunen Augen zu bestehen scheint. Birsen Uçar, die Stimme von Hydrogen Sea aus Brüssel, braucht an diesem Nachmittag in der Coffee Company in der Groninger Innenstadt nicht viel, um in den Bann zu ziehen: Sie erzählt kleine Geschichten, die so sanft schwebend wie Herbstlaub, das dekorativ zu Boden sinkt. Beim Eurosonic Festival in der nordniederländischen Metropole Groningen finden erfreulicherweise kleine Nachmittagskonzerte im Plattenladen und eben im Kaffeehaus statt, wo man in improvisiertem Rahmen lauschen kann, dicht an dicht gedrängt. Birsen Uçar gibt an diesem hellen Wintertag die fast noch adolszente Chansonnière, die sich auf Reisen ins elektronische Wunderland macht. Für die Dynamik bei diesem Duo ist das Synthie-Zauberer PJ Seaux zuständig, der als sympathisch-manisches Rumpelstilzchen den elektronischen Gerätschaften aktiv ist, aber auch an der Gitarre eine gute Figur abgibt. Von diesem Mann geht eine Energie aus, die fast schon greifbar pulsiert! So entsteht ein charmanter Gegensatz zwischen Hyperaktivität und Verlangsamung. Und wunderbarerweise funktioniert diese Mischung live hervorragend! Hydrogen Sea müssen mit ihrem traumverlorenen, geheimnisvollen und eleganten Elektropop nicht markig auftrumpen, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Und sind im Übrigen eine dieser belgischen Bands, die über eine unbestreitbare Seelenverwandtschaft mit verscheurbeltem isländischem Elfenpop verfügen! Beim Track „Voyager“ jedenfalls dürfte das ganze Café andachtsvoll die Luft angehalten haben!

Isländischer gehts nimmer, Oaktree! Belgium Booms At Eurosonic

Wie schön, sich überraschen zu lassen! Wenn ich mir vor dem Oaktree-Gig auf dem Eurosonic Festival 2016 im niederländischen Groningen etwas vorgestellt hatte, dann einen blassen Nerd hinter hoch aufgetürmten elektronischen Gerätschaften. Nur um im abgelegensten Veranstaltungsort von allen, dem Het Palais, weit vom Stadtzentrum entfernt, fast offenen Mundes zu gaffen: Da steht ja eine riesige Harfe auf der Bühne! Da liegt eine Violine! Und dort eine Oboe! Und ist das nicht ein E-Piano? Live lässt sich Adriaan de Roover alias Oaktree aus Antwerpen von vier Mitmusikern unterstützen, die offenkundig alle klassisch ausgebildet sind, aber ein Hang zum elektronischen Experimentieren haben. Die Oboistin singt zwischendurch himmlisch verhuschte Vocals. Und die Harfe, die Harfe: Warum spielt die auf den weiten musikalischen Weiden zwischen Neo-Klassik, Minimal Beats, gefühligen Techno-Einflüssen und sphärischer Filmmusik keine größere Rolle?, fragt man sich staunend. Man schaut sich in dem nüchternen Veranstaltungsraum um und meint fast, dass es einem unversehens nach Island verschlagen hat: Denn in einen gemeinsamen Konzertabend mit Sóley, Ólafur Arnalds und Samaris würde Oaktree bestens hereinpassen! Adrian de Roover, der mit seinen wallenden dunklen Locken so aussieht wie ein junger präraffaelitischer Ritter, entwirft an diesem Abend eine in warmen Tönen funkelnde, postromantische Welt fern allen Kitsches. Leise beunruhigende elektronische Zwischentöne irrlichtern durch diese schlaue, märchenhafte Welt. Oaktree legt in Bälde seine zweite EP vor. Der feine Track „Encounter“ ist ein Vorbote und weckt mit ihren Piano- und Violinentönen Erinnerungen an einen magisch verträumten Abend in Groningen! Belgium booms at Eurosonic, das war wundervoll!

Borealer Pop mit Two Kids On Holiday

Wer nun so tut, also ob er (oder sie!) nun auf Anhieb gewusst hat, was „boreal“ heißt, soll ruhig zugeben: Kurz gegoogelt, gell! Also: Boreal bedeutet nördlich, dem nördlichen Klima zugehörig. Wollen uns Two Kids On Holiday nun verwirren – oder gehört Brüssel neuerdings zu den Nordlichtern? Diese Band die ihren eigenen Sound als „borealen Pop“ bezeichnet, sind ausgemachte Schlawiner: Kommen zu dritt daher, wo es sich doch um ein Duo handeln soll! Und spielen südlich flirrende, hochlebendige, sehr krause Tanzmusik. twoDiese Töne blinken wie Zirkusreklame! Das Trio pflegt eigenwillige Harmoniegesänge und bedient sich vieler schöner Requisiten aus dem Fundus des musikalischen Zauberlehrlings. Die einzige Referenzband, die auf Anhieb einfällt, sind die wunderbaren dänischen Opulenz-Popsters Treefight For Sunlight, die einen ähnlichen Hang zu schwelgerisch, überkandidelten Tortenguss-Tönen haben. Beide Bands überwältigen übrigens mit Falsett-Stimmen. Und Spielkinder von hohen Gnaden sind die Belgier und die Dänen gleichermaßen! Das sind hoch euphorisierende Töne, die Two Kids On Holiday hier bieten. Von wegen kühl und nördlich! Scheinbar naiv und großäugig kommen Tracks wie das wunderbare „The Leaves Are Falling“ daher. Geschickt verborgen, dass dieser Song über ein Übermaß an Energie verfügt, bei aller scheinbaren Baumgucker-Romantik! Das Album „Hurricane“ ist bereits im vergangenen Jahr erschienen. Gerade an grauen und kalten Tagen entführen uns die eigenwilligen Töne von Two Kids On Holiday zu einem übermütigen Tag am Strand. Hier scheint selbst im Januar die Julisonne. Via Soundcloud und Bandcamp kann man dem Album zur Gänze lauschen. Unbedingt zu empfehlen: Der schwelgerische Track „Aloha“: Uaah, uuah, wo sind mein Hula-Hop-Reifen?

 

 

Wir träumen in Dunkelschwarz: Newmoon

Man darf sich im Januar schon auf den Juni freuen: Denn beim mit handverlesenen Bands und Musikern vollgestopften Maifeld Derby Festival in Mannheim spielen die belgischen Nachwuchs-Postpunks Newmoon, die zu lärmenden und übersteuerten Gitarren so schön in Dunkelschwarz träumen, dass es schon fast hymnisch klingt! Newmoon-Band-PhotoDa passt es bestens, dass die Fünf aus den flämischen Metropolen Gent und Antwerpen in Mannnheim just zu Neumond aufspielen! Die Heroen von The Pains Of Being Pure At Heart sind hier nicht fern!

Mit Twilight-Kitsch und Vampirromantik haben Newmoon so gar nichts im Sinn. Lieber lassen sie die übersteuerten Gitarren krachen und geben die Poètes Maudits: „Wir sind echte Dichter, Mann!“, stellen Newmoon selbstbewusst klar. Und wunderbarerweise sind diese Tracks bar aller irdischen Schwere, sondern kommen mitunter leichtfüßig und gar dreampoppig daher. Die Fünf nehmen sich alle Zeit der Welt, damit sich diese Songs majestätisch entfalten  können und streifen dabei mitunter das postrockige Ausufern. Bei aller Düsternis kommen Titel wie das sehr feine „Aria“ fast schon euphorisch daher. Bislang haben die Jungs eine EP namens „Invitation To Hold“ herausgebracht, der man via Bandcamp zur Gänze lauschen kann. Im Januar sind Newmoon mit den US-Boys von Turnover und Citizen in kurz Deutschland unterwegs: Am 23.1 in Dortmund im FZW, am 24.1. im Kölner Gebäude 9 und am 26.1 im Berliner Comet.

Die Damen mit den Hirschgeweihen: Faon Faon

Ein charmantes kleines Chanson über Eskimos? Solche Kleinigkeiten zaubern die beiden Damen von Faon Faon scheinbar mühelos herbei. faonWenn man die eigene Girlband schon nach Hirschkälbern benennt, dann geht das wohl ganz einfach. Olympia Boule und Fanny Vanilia, so heißen die Musikerinnen aus Brüssel, die mit einer federleichten und schrägen Mischung aus französischem Gassenhauer, Weird Folk, elektronischem Spielkram und HipHop ihre ganz eigene Nische besetzen. Das klingt ebenso fragil wie selbstbewusst und immer poetisch. An Poetry Slams könnten die Mademoiselles allemal teilnehmen, bevor sie wieder in Richtung frech-naiven Kinderzimmerpop wechseln und in feine Harmoniegesänge ausbrechen! Tribalen Beats sind die beiden ebenfalls nicht abgeneigt. Allzu ernst nehmen sich Faon Faon erfreulicherweise nicht. Die beiden sind  Philosophinnen des Alltags, die mit Bonmots zum Thema Ehe wie  „C’est comme le latin, c’est beau mais ça ne sert plus à rien“ aufwarten: Die Ehe ist wie Latein, das ist schön, aber völlig nutzlos! Ein kleines Chanson mit dem kryptischen Titel „FSLD V2″ gefällt ausgesprochen gut – so weit es meine Französischkenntnisse zulassen, geht es hier ums Singen unter der Dusch: Ein Track, der längst überfällig war! Jedenfalls sind das Töne, zu denen man vergnügt durchs Wohnzimmer  steppen und sich trotzdem schlau vorkommen kann.

 

Dan San suchen ihr Sehnsuchtsland

Zur Ruhe kommen am letzten Tag vor Weihnachten. Das geht mit Blick auf den fast vollen Mond und mit den federleichten, sanft melancholischen Tönen von Dan San bestens. Nach ihrem Debütalbum im Jahr 2012 war es  länger still um die Indiefolksters aus Liège geworden. 2016 erscheint endlich der Zweitling, und mit der ersten Single „America“ lassen die grüblerischen Sechs aus der wallonischen Metropole aufhorchen. Da sitzen sie vielleicht hoch oben auf der Zitadelle ihrer Stadt, schauen herunter auf Kathedralen und bröckelnde Stahlwerke und träumen von Amerika. Ein imaginiertes Sehnsuchtsland? „Amerika“ ist jedenfalls eine kleine Hymne auf all die scheinbaren Verlierer, denen die Komplexität des modernen Lebens ganz gehörige Angst einjagt. Aber vielleicht scheut man ja nur die Einsicht, dass man zu faul ist, um die Person zu werden, die man wirklich sein will! Dazu will das putzmuntere Glockenspiel kaum passen, aber hey: es sorgt auf nonchalante Weise für feinen Seelentrost!  Das dazugehörige Video ist jedenfalls ein Mini-Roadmovie, in dem wir einem Mopedfahrer durch belgische, deutsche und schweizerische Hinterlande folgen, bis es nicht mehr weitergeht. Ach ja, und produziert wird das neue Dan-San Album übrigens von keinen Geringeren als Yann Arnaud , der unter anderem mit Air und Phoenix gearbeitet hat. Wer Dan San live erleben will und in der Schweiz wohnt: Sie spielen Ende Januar, Anfang Februar auf dem One Of A Million Festival in Baden, das übrigens mit jeder Menge belgischer Bands aufwartet: darunter auch mit den auf diesem Blog schon sehr gelobten Vuurwerk und Fùgù Mango.

Gepflegtes Melodrama mit Tout Va Bien

Da traut sich einer was: Jan Wouter van Gestel alias Tout Va Bien hat 2013 gleich zu Beginn seiner Solokarriere mit einem Cover des Jacques-Brel-Klassikers „Ne Me Quitte Pas“ auf sich aufmerksam gemacht. Und war dabei klug genug, nicht zu dick aufzutragen, sondern das weltberühmte Chanson geschickt gegen den Strich zu bürsten und mit eleganten Elektronika zu unterlegen. Jacques Brel trifft James Blake! Diese beiden Herren hätten sich sicherlich etwas zu sagen! Tout Va Bien hat inzwischen sein Debütalbum „Kepler Star“ vorgelegt, wo der mit Falsettstimme genüßlich in großen Gefühlen schwelgt. Wenn sich der 23jährige aus Mechelen ans Piano setzt, schmelzen Herzen melancholisch dahin. Kepler ist übrigens der Name einer Supernova, die schon lange verglüht ist, deren Schimmern durch die Galaxien aber immer noch zu uns dringt. Herr Wouter van Gestel ist offenkundig auf einer Mission: Er will die Sterne vom Himmel holen! Die Songs auf dem Erstling klingen warm und künstlich zugleich, was sich als überaus harmonische Mischung erweist. Diese Songs sind  nostalgisch und sind trotzdem auf der Höhe der Zeit. Manchmal sogar schon fast zu schön. Und wie die Saga es will, ist Tout Va Bien entstanden, weil der Musiker an heftigem Liebeskummer litt! Nachzulesen im schönen Interview  mit den Bloggerkolleginnen Brussel Sprouts. Auf dem Album gefällt das luxuriös überkandidelte, synthielastige „This Fight“ besonders gut. Der Track ist ein Herzensbrecher voller hehrer Gefühle. Und schafft es noch, in all dem emotionalen Bombast eine Friedensbotschaft zu verstecken!